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Mal mehr, mal weniger – Leseprobe

Danke

für Dein Interesse und dafür, dass Du dieser Einladung gefolgt bist.

SongStories verbinden kleine Geschichten mit eigens dafür entstandenen Songs.
Die Geschichte öffnet einen Gedanken, eine Stimmung oder eine neue Perspektive.
Der Song greift das Erzählte auf und trägt es auf seine eigene Weise weiter.

Lies zunächst die Geschichte in Ruhe.
Höre anschließend den dazugehörigen Song
– und lass einfach auf Dich wirken, was daraus entsteht.

Die folgende SongStory stammt aus dem Buch
„Mal mehr, mal weniger – Kleine Geschichten. Kleine Lieder.“

Nur mal sehen

Da saß sie nun.

Dabei hatte sie sich so auf diesen Nachmittag gefreut.
Seit Wochen schon.

Endlich mal wieder in die Sauna.
Zusammen mit ihrer besten Freundin.

Einfach raus.
Ruhe.
Zeit zum Reden.

Die Sauna war für sie nie einfach nur Sauna gewesen.
Es ging nicht nur um das Schwitzen.
Nicht nur um die Aufgüsse.
Nicht nur um Gesundheit oder Wellness.

Es waren die Gespräche.

Diese Gespräche, die irgendwo zwischen zwei Saunagängen entstanden.
Wenn man im Ruheraum lag, eingewickelt in ein großes Handtuch, zu müde zum Reden und doch zu wach zum Schlafen.

Wenn man nebeneinander saß, mit nassen Haaren, einem Glas oder einem Kaffee in der Hand, und einfach anfing zu erzählen.
Hier hatten die Dinge Platz, für die jeder Tisch zu klein gewesen wäre, wenn man sie dort hätte ausbreiten wollen.

Mit ihr konnte sie über alles reden.
Wirklich über alles.

Über Dinge, die gut liefen.
Über Dinge, die nicht gut liefen.
Über Ideen.
Über Zweifel.
Über Pläne.
Und über die leisen Gedanken, die man sonst immer wieder zur Seite schob, weil im Alltag kein Platz für sie war.

Hier wurden einst das Für und Wider ihrer Freunde abgewogen oder später der richtige Zeitpunkt zum Heiraten gefunden.
Hier wurden die Namen ihrer Kinder ausgesucht.
Hier wurden Wohnungseinrichtungen geplant und wieder verworfen.

Und es gab auch die Tage, an denen beide wussten, dass man einfach nur wortarme Erholung brauchte.

Oft waren es genau diese Nachmittage, die noch lange nachwirkten.
Gedanken, die sich sortierten.
Ideen, die klarer wurden.
Entscheidungen, die plötzlich ganz einfach schienen.

Diese Nachmittage bedeuteten ihr viel.
Gefühlt oft mehr als ein ganzer Urlaub.
Einfach die stets gepackte Saunatasche schnappen, zwanzig Minuten fahren – und schon war sie „auf ihrer Insel“.
Ein paar Stunden einfach nur sie selbst sein. Ohne große Planung. Ohne lange Anreise. Ohne Stress am Flughafen.
Die Getränke wurden auf Zuruf serviert.
Und über den Preis brauchte man sich auch nie Gedanken zu machen.
Es war immer einfach nur Entspannung.
Einfach nur schön.
Wetterunabhängig.
Nie enttäuschend.

Und ihre Freundin war die ideale Begleiterin.
Zuverlässig.
Absolut vertrauenswürdig.
Ohne jedes Besserwissen.
Und ohne jegliche Erwartung.

Und heute wäre es wieder so weit gewesen.

Doch dann kam die Nachricht.
Kurz.
Knapp.

Die Freundin musste absagen.
Der achtjährige Sohn, der eigentlich so lange bei ihrer Schwester sein sollte, war krank geworden und brauchte seine Mutter.

Alleine hatte sie keine Lust zu fahren.
Es wäre auch nicht dasselbe gewesen.

Überraschend wurde ihr klar, dass ein Saunabesuch ohne ihre Freundin nicht einmal die Hälfte wert war.
Trotz all der Annehmlichkeiten, die sie sonst so liebte und die sie allein vielleicht sogar intensiver hätte genießen können.

Also blieb sie zu Hause.

Der Nachmittag, auf den sie sich so gefreut hatte, war plötzlich leer.

Sie saß am Tisch.
Vor ihr stand noch der offene Laptop.
Die Nachricht war noch auf dem Bildschirm zu sehen.

Sie starrte einen Moment darauf, ohne wirklich zu lesen.
Dann begann sie zu tippen.

Ohne nachzudenken schrieb sie:
„tipp tipp tipp“

Einfach so.
Ohne irgendeinen Plan.
Ohne Ziel.

Und dann:

„Und jetzt?
Was mache ich jetzt?
Was soll ich denn nun tun?“

Sie hielt kurz inne.

Dann schrieb sie:
„Ich habe keine Ahnung.“

Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht.

„Okay… und wenn ich eine Ahnung hätte –
was würde ich dann tun?“

Ein paar Sekunden vergingen.

„Dann würde ich wahrscheinlich
einfach meine Gedanken hier reinschreiben.“

Sie lehnte sich zurück und sah auf das, was da stand.

Das war auf den ersten Blick ziemlich albern.
Dann aber irgendwie auch nicht.
Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr Gefallen fand sie daran.

Also machte sie weiter.

„Vielleicht würde ich sogar
eine kleine Geschichte schreiben.
Einfach so.
Nur, um mal zu sehen,
wohin das führt.
Und was dabei herauskommt.“

Sie las es noch einmal.

Dann löschte sie alles.
Schnell.
Bevor sie es aus Versehen abschickte.

Denn sie hatte direkt in das Chatfenster mit ihrer Freundin geschrieben.

Ein kurzer Blick.
Alles weg.
Gut.

Doch ohne groß darüber nachzudenken, öffnete sie ein leeres Dokument.

Hier konnte sie schreiben, ohne dass es jemand sah.
Ohne Ziel.
Ohne Plan.

Sie setzte die Finger auf die Tastatur.
Zögerte einen Moment.

Dann schrieb sie:

„Und was schreibe ich jetzt?
Was für eine Geschichte schreibe ich?

Eine Liebesgeschichte?

Na klar, eine Liebesgeschichte.
Was auch sonst?“

Sie lächelte, löschte diese Sätze wieder und schrieb stattdessen:

„Es war ein ganz normaler Tag am See.
Ein Wochentag.
Kein Sonntag.“

Die ersten Worte wirkten ungewohnt.
Sie las diese Sätze.
Löschte sie wieder.
Fing neu an.

Der nächste Satz blieb stehen.
Der danach nicht.

Vieles ergab keinen Sinn.
Manches fühlte sich falsch an, noch bevor es fertig war.

Sie hielt inne, las, was da stand, und musste leise schmunzeln.
Nicht, weil es gut war.

Sondern weil überhaupt etwas da war.

Dann kamen Zweifel in ihr hoch.
„Was schreibe ich hier überhaupt?
Was soll das?
Das ist doch Quatsch.“

Sie hätte jetzt aufhören können.
Niemand hätte es bemerkt.
Niemand hätte etwas erwartet.

Aber sie blieb sitzen.

„Sieht ja keiner“, dachte sie.

Nur noch kurz, dachte sie.
Ein paar Worte noch.

Dann noch ein Gedanke.
Und noch einer.

Irgendwann wurde es draußen dunkel.
Ohne dass sie sagen konnte, wann genau.

Als sie abends im Bett lag, dachte sie noch einmal kurz über den Nachmittag nach.
Und ein paar Zweifel meldeten sich wieder.

„Na ja“, dachte sie, „da habe ich mir halt mal einen schönen Spaß gemacht. Einfach ein wenig die Zeit vertrieben. Morgen werde ich den Quatsch wieder löschen.“

Am nächsten Morgen lag sie noch halb schlafend im Bett, als ihr plötzlich eine Idee kam.
Wie von selbst war sie da.
Noch bevor sie richtig wach war.

Sie blieb einen Moment liegen und sah an die Decke.
Dann stand sie auf, fast wie automatisch, ging zum Laptop und begann zu schreiben, bevor der Gedanke wieder verschwinden konnte.

Die Zeiten veränderten sich kaum merklich.

Doch zwischendurch ging sie immer wieder an ihren Laptop.
Ganz von selbst.
Ohne jedes Pflichtgefühl.

Manchmal waren es nur ein paar Minuten.
Manchmal wurde eine Stunde daraus.
Und manchmal vergingen auch Tage, ohne dass sie überhaupt daran dachte.

Dann war anderes da.
Der Alltag.
Termine.
Gespräche.

Und doch kamen diese Momente immer wieder.

Ganz leise.

„Ich könnte ja noch einmal schauen.“

Es war nie ein Plan.
Schon gar kein „Ich muss das schaffen“.

Eher ein leises Zurückkehren.
Ein Anknüpfen.

Als hätte etwas gewartet,
ohne zu drängen.

Irgendwann änderte sie den Namen ihrer Datei.
„Quatschgeschreibsel“ hatte sie bisher geheißen.
Jetzt stand da: „Alltags am See“.

Mit der Zeit veränderte sich etwas.

Die Handgriffe wurden sicherer.
Nicht perfekt.
Aber vertrauter.

Sie musste weniger überlegen.
Manches ergab sich einfach.

Ideen tauchten auf,
bevor sie bewusst danach suchte.

Nicht immer.
Aber immer häufiger.

Auch ihr Alltag veränderte sich.
Zumindest innerlich.
Ein See war zwar nicht in der Nähe, doch in ihren Gedanken hielt sie sich nun oft dort auf.

Manchmal fühlte sie sich wie eine kleine Schöpferin, die bestimmte, was ihre Figuren erlebten.
Und manchmal kam sie sich eher vor wie eine stille Beobachterin, die einfach nur aufschrieb, was sich vor ihrem inneren Auge abspielte.

Was am Anfang wie ein kleines Spiel gewirkt hatte,
wurde nach und nach etwas anderes.

Ohne dass sie sagen konnte, wann genau.

Es passierte nebenbei.
Während sie einfach weitermachte.

Ohne Ziel.
Ohne große Absicht.

Und dann gab es diesen Moment.

Kein besonderer Tag.
Kein Anlass.

Sie hielt inne.
Sah auf das, was vor ihr lag.
Und blieb einen Moment länger dabei.

Etwas war anders.

Sie betrachtete es genauer.
Und fragte sich zum ersten Mal:

„Habe ich das wirklich geschrieben?“

Sie las die ganze bisherige Geschichte.
Dutzende Seiten.

Und immer wieder stieg dieselbe Frage in ihr hoch:
„Wann ist das eigentlich passiert?“

Aus ein paar Versuchen
war etwas geworden,
das es vorher nicht gegeben hatte.

Nicht perfekt.
Nicht fertig.
Aber stimmig.

Beim Lesen kamen ihr schon wieder neue Ideen, die ihre Geschichte weiterführten, sie runder machten, lebendiger.

Und alles fühlte sich so stimmig an.
Die Zweifel waren längst dem Spaß an der Sache gewichen.
Und so wurde auch das Dranbleiben zum Selbstläufer.

Sie ging im Kopf zurück.
Versuchte, den Anfang zu finden.

Doch da war kein besonderer Moment.
Keine Entscheidung.
Kein mutiger Schritt.

Nur dieser eine Gedanke.
Oder war es eher ein Impuls?

Ganz am Anfang.

„Das könnte man eigentlich mal ausprobieren.“

Später sagte jemand zu ihr,
sie müsse wohl sehr mutig gewesen sein.

Sie lächelte darüber.

So hatte es sich nie angefühlt.
Es war kein Sprung gewesen.
Kein Risiko.

Eher ein vorsichtiges Ausprobieren.
Ein „Mal sehen“.

Sie sah noch einmal auf das Dokument.
Auf das, was an diesem Nachmittag begonnen hatte.

Damals hatte sie gedacht,
der Tag sei verloren.
Einfach leer.
Ohne Plan.
Ohne Bedeutung.

Heute wusste sie:
Das stimmte nicht.

Dieser Nachmittag
war nicht leer gewesen.

Er hatte nur anders angefangen,
als sie es erwartet hatte.

Und vielleicht
war genau das der Grund,
warum daraus etwas entstehen konnte,
das sie so nie hätte planen können.

Einige Zeit später saßen sie wieder zusammen in der Sauna.
Nach dem ersten Saunagang kramte sie in ihrer Tasche und legte ihrer Freundin ein Buch auf die Liege.

„Heute habe ich dir etwas zu lesen mitgebracht“, sagte sie ruhig.

„Ein Buch?“, wunderte sich ihre Freundin. „Was ist denn das? Da steht ja dein Name drauf. Wieso steht da dein Name drauf? Bist du etwa die Autorin? Davon hast du ja gar nichts erzählt. Wann hast du das denn geschrieben?“

Sie lächelte nur ein wenig und zuckte leicht mit den Schultern.

„Ich glaube“, sagte sie schließlich, „das hat an dem Nachmittag angefangen, an dem du mir abgesagt hast.“

Dann sah sie ihre Freundin an und sagte:

„Manche Wege beginnen nicht dann,
wenn alles passt.

Sondern genau dann,
wenn plötzlich nichts mehr passt.

Und man einfach sitzen bleibt
und denkt: Na gut…
dann sehe ich eben mal,
was jetzt passiert.“

Der Song zur Story

Die SongStory endet hier noch nicht.

Der folgende Song greift Gedanken und Stimmung der Geschichte auf
und trägt sie auf seine eigene Weise weiter.

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